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Hier einige Buchrezensionen in alphabethischer Reihenfolge:

 

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Gegen jede Form von Gewalt

 

Der Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern sind die Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen mit Erschrecken, Unverständnis und dem Ruf nach Bestrafung begegnet. Jenseits dieser emotionalen Reaktionen fanden Fragen nach den Ursachen, dem Erkennen, der Behandlung und der hieraus notwendig folgenden Prävention sehr viel weniger Interesse.

Der Frankfurter Pädiater Gert Jacobi hat sich auf der Basis seiner langen beruflichen Erfahrung als Herausgeber der Monografie dieser Thematik gewidmet.

Er wird dabei unterstützt von Spezialisten aus der Medizingeschichte und -ethik, der Neuroradiologie, Kinderchirurgie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Rechtsmedizin, Rechtswissenschaft und einer Diplom-Sozialpädagogin als Vertreter der Jugendämter.

Jacobi führt den Leser nach einer umfassenden Darstellung der theoretischen Grundlagen, Begriffsbestimmungen und Folgen (er unterscheidet neurologische, mentale, psychoemotionale und Gedeihstörungen) anhand detaillierter Fallstudien aus einem Fundus von 234 eigenen Patienten durch alle Phasen der Diagnostik und Differenzialdiagnostik. Dabei bleibt er niemals bei der Erfassung von Symptomen und Zeichen stehen, sondern betrachtet das Kind immer in seinem sozialen Umfeld. Für die Diagnostik ist neben dem pädiatrischen-neurologischen Befund die neuroradiologische Untersuchung von besonderer Bedeutung. Typische Verletzungsmuster des Skeletts, der Weichteile und/oder des Zentralnervensystems weisen auf eine nichtakzidentelle Schädigung des Kindes hin. Erschreckend sind die angegebene Häufigkeit von mehr als 150 000 Fällen pro Jahr in Deutschland und die zu vermutende hohe Dunkelziffer. Die meisten stationär behandelten Kinder sind jünger als drei Jahre, wobei das Schütteltrauma besonders Säuglinge betrifft. Zwölf bis 15 Prozent der misshandelten Kinder versterben, 40 Prozent erleiden bleibende physische Schäden, vor allem als Folge von Hirnblutungen und Verletzungen.

Das Münchhausen-by-Proxy-Syndrom wurde erst in den 70er-Jahren als besondere Form der Kindesmisshandlung identifiziert.: Die schädigende Person (in 95 Prozent der Fälle die Mutter) verursacht Krankheitssymptome, für die es keine echte Erkrankung als Erklärung gibt. Die oft bizarren Krankheitsbilder sind häufig Anlass für zahlreiche risikobehaftete diagnostische und therapeutische Maßnahmen. Jacobi beschreibt das Krankheitsbild anhand mehrerer Fallbeispiele sehr ausführlich.

Wichtig und hilfreich ist die Darstellung der Rolle einzelner Berufsgruppen bei der Versorgung misshandelter Kinder. Sie zeigt sehr eindrücklich die oft vermeidbaren Fehler und Unterlassungen auf allen Ebenen, die für die Betroffenen tödlich sein können. Die Kapitel "Problemfelder des Rechts" und das "Handeln des Jugendamtes" geschrieben von erfahrenen Fachleuten, ergänzen die Problematik in vorzüglicher Weise.

Beeindruckt wird der Leser von der Leidenschaftlichkeit, mit der Jacobi für das Wohl der Kinder und gegen jede Form von Gewalt eintritt. Die Monografie informiert auf 528 Seiten über alle wichtigen Aspekte der gewählten Thematik. Mehr als 1 100 Literaturzitate gestatten dem Leser Zugang zur internationalen Literatur. Zahlreiche, oft farbige Abbildungen illustrieren diese schwierige, oft bedrückende Thematik der Medizin. Detailliertes Wissen zur Früherkennung, Behandlung und Prävention der Kindesmisshandlung und Vernachlässigung sind für den Arzt und alle Beteiligten notwendiges Rüstzeug. Die Monografie vermittelt es in ganzem Umfang. Gemessen an Umfang, Ausstattung und Inhalt ist das Buch für 79,95 Euro eine lohnende Anschaffung. Es sollte in keiner kinderärztlichen Praxis fehlen.

 

Folker Hanefeld

Deutsches Ärzteblatt| Jg.105| Heft 46| 14.November 2008

 

 

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Rezension über das Buch:

"Kindesmisshandlung und Vernachlässigung"

Epidemiologie, Diagnostik und Vorgehen

Herausgeber: Gert Jacobi

Hans Huber-Verlag, Bern

1. Auflage (2008)

ISBN 978-3-456-84543-2

 

Sonntag Nachmittag und ich bereite mich gerade auf einen Termin als Sachverständiger Zeuge in einem Prozess wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen vor. Die Ereignisse selbst liegen fast 1 Jahr zurück. Vor mir liegen die Krankenakten zu zwei Kindern, daneben das aktuell erschienene Buch von Gert Jacobi

"Kindesmisshandlung und Vernachlässigung - Epidemiologie, Diagnostik und Vorgehen".

Der Umgang mit Kindesmisshandlungen ist eine der schwierigsten und diffizilsten Aufgaben des Neuropädiaters, bei der Professionalität und Faktenwissen unabdingbare Voraussetzung sind. Die deutschsprachige Übersichtsliteratur zu diesem Thema ist sehr überschaubar. Das aktuell im Hans Huber Verlag, Bern erschienene Buch von Gert Jacobi stellt hier eine echte Bereicherung dar.

Schaut man in das Inhaltsverzeichnis so imponiert dies sehr allumfassend. Neben einer einleitenden historischen Perspektive zur Kindesmisshandlung und einer Erörterung der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Situation bei physischer Kindesmisshandlung und Neglect folgen Begriffsbestimmungen sowie ausführliche Erörterungen der unterschiedlichen Formen physischer Kindesmisshandlung und verwandter Phänomene. Danach werden die typischen klinischen Befunde und ihre Differenzialdiagnosen beschrieben, gefolgt von interdisziplinären Betrachtungen aus der Sicht des Kinderchirurgen, Radiologen, Kinder- und Jugendpsychiaters, Rechtsmediziners und Jugendamts- bzw. Sozialamtsmitarbeiter.

Bei der morgigen Verhandlung geht es um unterschiedliche Schweregrade von Schütteltraumen. Zur Vorbereitung der Unterlagen find ich im Kapitel 6 "Klinik der physischen Misshandlung" eine sehr realitätsnahe, absolut praxisrelevante Abhandlung zu Schütteltraumen, inklusive Diagnosekriterien, kombinierten Verletzungen, Differenzialdiagnosen und Prognosekriterien. Ferner findet sich eine beeindruckend klare und anschauliche Darstellung relevanter Befunde in dem Kapitel 10 "Bildgebende Diagnostik".

Das Buch von Gert Jacobi ist eine sehr persönlich geschriebene und auf Jahrzehnte langer praktischer Erfahrung (234 eigene Patienten) basierende Abhandlung, Beschreibung, Diskussion und praktische Orientierungshilfe zu allen Formen der Kindesmisshandlung und Vernachlässigung inklusive Münchhausen by proxi. Es werden auch Blicke über den Tellerrand der deutschen Verhältnisse geworfen und Themen wie rituelle und ethnische Misshandlungen sowie die Situation von Kindersoldaten abgehandelt. Das Buch setzt sich sehr kritisch mit bestehenden Versorgungsstrukturen auseinander, beinhaltet Überlegungen zur Verbesserung und ist somit ein Baustein auf dem Weg misshandelten Kindern eine Lobby zu geben.

Das Buch ist sowohl für Kinderärzte, Allgemeinärzte, Kinderchirurgen, Traumatologen, Rechtsmediziner, Radiologen, Kinder- und Jugendpsychiater aber auch für Mitarbeiter von Jugend- und Sozialbehörden, Juristen sowie Pflege- und Adoptiveltern geeignet.

Ein Tag bei Gericht ist zwar wenig erfreulich, aber für die Wartezeiten habe ich eine interessante Lektüre dabei.....

 

Priv.-Doz. Dr. Matthias Kieslich

Abteilung für Neuropädiatrie, Neurometabolik,

Entwicklungsneurologie und Epileptologie

Klinikum der Goethe-Universität

Theodor Stern Kai 7

D-60590 Frankfurt am Main

 

 

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Kindesmisshandlung und Vernachlässigung, Gert Jacobi (Hrsg.)

 

Dieses Buch ist längst überfällig und bitter notwendig angesichts der noch weit verbreiteten Ignoranz selbst unter Ärzten, Juristen und der öffentlichen Verwaltung gegenüber dem Problem. Auch in weiten Kreisen der Bevölkerung fehlt die Bereitschaft, Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern ernst zu nehmen und damit Ernst zu machen mit dem häufig zu hörenden Bekenntnis "zum Wohle der Kinder".

 

Wer diese Aussagen für übertrieben hält, sollte das Vorwort sehr aufmerksam lesen. Hier ist von den Schwierigkeiten die Rede, dieses Buch angesichts der herrschenden Vorurteile gegenüber gewaltfreier Erziehung und tolerierter Gewalt in den Familien zu veröffentlichen. Es langt offenbar nicht, sich auf Fakten zu beschränken, wenn emotional die Beschäftigung mit diesen Problemen abgelehnt wird. Deswegen wird der Leser in jedem Kapitel mit der ernsten Betroffenheit der Verfasser konfrontiert: Sie soll verhindern, dass die einmalige Erfahrung des Herausgebers verloren geht, der 234 eigene Beobachtungen, misshandelte Kinder, die z.T. gestorben sind, in den Mittelpunkt der Erörterungen und Erwägungen dieses Buches stellt. Sie werden mit den weltweiten Erfahrungen der Literatur in Beziehung gesetzt. Sexuelle und rein emotionale Misshandlungen sind bewusst ausgespart worden. Übrigens- die Spärlichkeit deutscher Literaturbeiträge steht in krassem Gegensatz etwa zu der angloamerikanischen- ein Grund, auch über diese Tatsache nachzudenken! Kindesmisshandlung ist nicht nur ein ärztliches Problem, es ist weltweit auch ein gesellschaftliches Problem. Seine Komplexität aber verbietet, es nur unter dem Gesichtspunkt der sich verschlechternden Lebens- und Arbeitsbedingungen weiter Kreise der Bevölkerung zu sehen und die "Umstände" überwiegend verantwortlich zu machen.

 

Der klinische Hauptteil- etwas weniger als ein Drittel des Textteils- entstammt der Feder eines Kinderarztes. Eigene Kapitel sind der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Kinderchirurgie und der Kinderradiologie gewidmet. Zu Worte kommen Vertreter der forensischen Medizin, der Rechtswissenschaft und eines Amtsgerichts, der Geschichte der Medizin und eines Stadtjugendamts mit jeweils eigenen Beiträgen. Der Textteil von 479 Seiten wird ergänzt von einem 38 seitigen Literaturverzeichnis (im Kleindruck!) nur für die kinderärztlichen Beiträge- das hat schon Handbuchformat. Das Schlagwortverzeichnis ist benutzerfreundlich. Die Sprache ist durchweg allgemeinverständlich und auch einem "gebildeten Laien" verständlich. Das gilt für die medizinischen und auch für die juristischen Inhalte.

 

Damit sind die Zielgruppen der Nutzer bestimmt: Ärztinnen und Ärzte nutzen die klinischen Bilder und Befunde, die eindrücklichen Fallbeispiele und individuellen Leidensverläufe nach Art eines Lehrbuchs. Juristen können sich über medizinische Sachverhalte informieren, Einzelfälle studieren und werden mit den Auswirkungen juristischer Urteile konfrontiert. Ebenso erfahren Jugendämter und andere Amtspersonen die Auswirkungen früherer Entscheidungen die ihnen anders nicht bekannt geworden wären. Jeder an sozialmedizinischen Zusammenhängen, gesamtgesellschaftlichen Problemen der Gewalt in Familien und gewaltfreier Erziehung Interessierte wird nach der Lektüre auch nur einiger Kapitel ein erweitertes Problembewusstsein bekommen, das in Zukunft sein Handeln bestimmt.

 

Leider ist das Problem der Misshandlung von Kindern nicht neu. Ein historischer Überblick (Kap 1) zeichnet die Sozialgeschichte des Kindes und seinen Missbrauch nach: das Züchtigungsrecht der Eltern, das erst 1957 aus dem Gesetz gestrichen wurde, Familienarmut und Kinderarbeit bis zu den Problemen ritueller oder kulturell tradierter Formen von Kindesmisshandlung.

 

Es folgen die 7 Kapitel des kinderärztlichen Beitrags (Kap. 2-8). Während Kap 2 ("die derzeitige Situation..") das Problem noch einmal von allen Seiten beleuchtet, (Häufigkeits-) Zahlen und auch Fallbeispiele bringt, behandelt Kap 3 ("Begriffsbestimmungen..") neben der Definition vor allem die Risikobedingungen und die Folgen der verschiedenen Misshandlungen im Kindesalter. Kap. 4 gibt einen Überblick über die "Formen der physischen Misshandlung" mit Diskussion über die Weite des Begriffs Misshandlung und verwandter Phänomene. Der Kern und besondere Wert des Buches liegt in den gut dokumentierten und dargestellten 234 eigenen Patienten, die ein profundes Urteil zu den Teilproblemen erlaubt: Kap 5 ("Klinische Erfahrungen"). In Kap 6 ("Klinik der physischen Misshandlungen") liegt der Schwerpunkt der detaillierten Darstellungen auf dem Schütteltrauma und dem Münchhausen- by-proxy Syndrom. Es folgt eine Zusammenfassung der "Differenzialdiagnosen" (Kap 7). In Kap 8 fasst der Herausgeber die Kritik an der Rolle verschiedener Berufsgruppen bei Kindesmisshandlungen aus pädiatrischer Sicht zusammen. Sie richtet sich vor allem gegen Ärzte, Juristen und Angehörige der Jugendämter. Es sind immer die gleichen Fehler: Das Problem nicht ernst zu nehmen, die Anschuldigungen nicht für glaubhaft oder justiziabel zu halten. Wie folgenreich auch ein Sich-Verschanzen hinter Formalien ist, wird durch eindrucksvolle Beispiele und Leidensverläufe beschrieben. Juristen und Jugendämter werden später ihre Sicht der Dinge beitragen (Kap 13 und 14).

 

Im Beitrag der Kinderchirurgie (Kap 9) wird schon Gesagtes z.T. in tabellarischer Form dargestellt, erstmalig erscheint ein systematisches Untersuchungsschema. Hier dienen die Einwirkungsmechanismen einer Misshandlung als gliederndes Element. Das Schütteltrauma erfährt auch hier- wohl seiner Bedeutung wegen- besondere Erwähnung.

 

Der bildgebenden Diagnostik (Kap 10 kommt häufig beweissichernde Bedeutung zu. Sie ist sehr übersichtlich und gut dokumentiert systematisch dargestellt und berücksichtigt dankenswerter Weise die Spezifität und differentialdiagnostische Bedeutung der einzelnen Untersuchungen. Damit ist dieses Kapitel besonders zum Nachschlagen und zur schnellen Orientierung geeignet.

 

Das kinderpsychiatrische Kapitel (Kap 11) wiederholt schon Bekanntes und behandelt- wie der Herausgeber an anderer Stelle schon gesagt hat- nicht die psychischen Misshandlungen und sexuellen Übergriffe. An einem exemplarischen Fallbericht werden der Langzeitverlauf und die Entwicklung eines misshandelten Kindes, seine komplexe Problematik bis zum 18. Lebensjahr und die Arbeit der an der Lösung beteiligten Berufsgruppen geschildert. Die Umfrageergebnisse über die Befindlichkeit und das Verhalten niedergelassener Kinderärzte gegenüber misshandelten Kindern offenbaren einmal mehr die Notwendigkeit zur intensiven Weiterbildung auf diesem Gebiet.

 

Aus rechtsmedizinischer Sicht (Kap 12) wird durch ergänzende Fallbeschreibungen (stumpfe, scharfe, thermische Einwirkungen) denjenigen Hilfen gegeben, die besonders gutachtlich tätig werden müssen.

 

In Kap 13 werden die Leser mit der Rechtsmaterie vertraut gemacht: Elternrecht und Kindeswohl, dem staatlichen "Wächteramt", dem Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung und den Aufgaben und Pflichten der einzelnen Organe. Ein interessantes, auch für den Nicht-Juristen gut lesbares Kapitel.

 

Das Handeln des Jugendamts (Kap.14) fasst schon Gesagtes zu praktischen Anleitungen für das Vorgehen im Ernstfall zusammen. Es ist erfreulich, dass die Möglichkeiten engagierten und konsequenten Handelns des Einzelnen gegenüber der schwerfälligen Bürokratie im Regelfall deutlich zur Darstellung kommen. Der Schutz der Eltern vor ungerechtfertigter Anschuldigung muss betont werden, verständlich ist das Bemühen, ein mögliches Vertrauensverhältnis zu den Eltern nicht zu gefährden. Dennoch bleibt für den ärztlichen Leser die Tatsache befremdlich, dass weder Jugendamt noch Familiengericht eine rechtliche Verpflichtung zur Strafanzeige haben. Hier sehe ich eine Notwendigkeit zur Diskussion mit dem Gesetzgeber, um das Kindeswohl als vorrangiges Ziel nicht zu gefährden. Umso größer bleibt damit die Verpflichtung besonders für Ärzte, ihre Aufmerksamkeit, Beweissicherung und konsequente Verfolgung von Verdachtfällen deutlich zu eröhen, Aus- und Fortbildung auf diesem Gebiet zu intensivieren.

 

Bei der bevorzugten Gliederung der kinderärztlichen Kapitel aber auch bei der Form der Beiträge anderer beteiligter Disziplinen bleibt es nicht aus, dass zahlreiche Wiederholungen vorkommen und Zusammengehörendes an unterschiedlicher Stelle zu finden ist. Dass die vielen Häufigkeitsangaben sich auf immer andere Kollektive beziehen und in Anbetracht der vermuteten Dunkelziffern wenig Bedeutung haben, hätte vielleicht einmal zusammenfassend beleuchtet werden sollen. Nimmt man das Buch aber als Nachschlagewerk für unterschiedliche Berufsgruppen, die nur jeweils "ihr" Kapitel lesen, gewinnen die Wiederholungen an Notwendigkeit. Es bleibt dennoch zu wünschen, dass solche Leser die so wichtigen aber verstreut unter verschiedenen Überschriften angeordneten Fallbeispiele auch finden und mit den in anderem Zusammenhang geschilderten Fallbeispielen der Literatur zusammenführen (s. z.B. S. 134/135). Vielleicht würde eine Liste der von allen Autoren genannten Fallbeispiele, nach ihrer Bedeutung geordnet, die Nutzung dieses Werks erhöhen.

 

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Dieter Scheffner (†)

Ehem. Leiter der Abt. Pädiatrie mit Schwerpunkt Neurologie der Univ. Kinderklinik

heute: Charité- Universitätsmedizin Berlin

 

 

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Kindesmisshandlung und Vernachlässigung      von G. Jacobi (Herausgeber) 2008

 

Nach langjähriger intensiver Arbeit legt G. Jacobi nun - passend zur aktuellen politischen Diskussion - ein umfassendes Standardwerk zur Kindesmisshandlung vor. Es umfasst alle Aspekte der körperlichen Misshandlung bei Kindern, stellt dabei das Thema in den größeren Kontext der historischen wie aktuellen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, enthält aufschlussreiche Kapitel über Kindes- und Jugendschutz, Arbeitsweide des Jugendamtes, zu gesetzlichen Grundlagen und zur rechtsmedizinischen Aufarbeitung.

Ihm geht es darum, dem mit dem Kind befassten Arzt, aber auch anderen Fachleuten mehr Diagnose- und Handlungssicherheit im Umgang mit einer Kindesmisshandlung zu vermitteln.

 

Das Buch hat im medizinischen Teil einen diagnostischen Schwerpunkt von der klinischen Untersuchung bis hin zu radiologischen Befunden. Pathophysiologische Mechanismen einer sich entwickelnden Schädigung wie typische Schädigungsmuster werden fundiert anatomisch-neuropathologisch dargestellt, ebenso deren prognostische Bedeutung für eine Behinderung. Anliegen ist, sekundäre und tertiäre Folgen zu vermeiden. Zahlreiche, über sein gesamtes Berufsleben gesammelte, sorgfältig aufgearbeitete Falldarstellungen veranschaulichen die medizinischen Grundlagen.

 

Immer wieder macht Jacobi die Verantwortung der Eltern und Erwachsenen deutlich, prangert Fehlverhalten schonungslos an. Er ergreift Partei für das wehrlose Kind auch in z. T. sehr persönlichen Stellungnahmen mit zeitkritischen Überlegungen.

 

Insgesamt liegt hier ein schon allein thematisch betroffen machendes, in seiner Bedeutung für die Aufklärung der KMH und deren Behandlung bedeutendes Standardwerk vor. Es ist verständlich geschrieben mit hohem Informationsgehalt der verständlich dargestellten Kapitel, mit vielen Literaturhinweisen; ein Buch, das im deutschen Sprachraum eine Lücke schließt zu vielen sonst mehr psychodynamisch orientierten Fachbüchern und dem eine hohe Praxisrelevanz zukommt.

 

Gertrud Weiermann

Kinderärztin

Schwerpunkt Neuropädiatrie

Ltd. Ärztin SPZ kreuznacher diakonie

 

 

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